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Tiertransporte einmal anders

16. Juni 2010

Heute: Wir reiten Schildkröten

„Wie sind Sie nur darauf gekommen?“ – Das kann auch heißen: „Wie sind Sie nur da hinauf gekommen?“ Das will uns sagen: Sie haben einen Punkt erklommen, der so hoch ist, dass niemand anderes dahin gelangen kann. Nicht ohne Weiteres zumindest. Vielleicht sogar nie. Zumindest nicht heute. Heute komme ich nicht mehr mit. Und da hinauf schon gar nicht. Von dort oben, also Ihrem Platz aus, sehen Sie die Welt mit definitiv anderen Augen als der Rest der Menschheit. So klein. Flächig. Wie faltiges Karopapier. Mit Häusern, Hügeln und Bergen. Viel Grün. Und ich komme nicht mit. Niemals, nicht mehr. Zu hoch, zu gefährlich, zu verrückt.

Die Lage ist privilegiert. Ein Aussichtspunkt mit Potenzial; Potenzial, die Welt in Schutt und Asche zu legen. Aus dieser Höhe ist sie keinen Pfifferling mehr wert. Sowas lieben Philosophen. Das mit dem Schutt und der Asche, nicht den Pfifferling, obwohl sie gegen eine Pfifferlings-Mahlzeit gewiss nichts einzuwenden hätten. Aber die Rede war ja vom Weltanzünden und davon verstehen die großen Philosophen sehr viel. „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit“, sagte mal einer von ihnen. Der hatte einen Schnauzer, der aussah wie beim gleichnamigen Hund. Eigentlich sind Philosophen ja pyromanische Feuerwehrleute. Sie lieben es, die Welt in einem Flammenmeer aufgehen zu sehen, um dann wieder alles zu löschen. Was ist einem die Welt, wenn man so hoch steigen kann?

Da raufkommen: Auf einer Sache zum Liegen kommen und den Weg dorthin vergessen. Wie eine Schildkröte auf dem Rücken liegen Sie da. Die muss verhungern, wenn sie keiner umdreht. Die ungemütliche Lage schenkt Zeit, einmal nachzudenken: Wie bin ich nur da hinaufgekommen? Wohin wollte ich nochmal? Wo bin ich gewesen? Warum nicht anderswo? Und warum dauert eigentlich immer alles so lange? An ihrem höchsten Punkt ruhen die Gedanken sich aus. Weiter geht es ja auch nicht. Wie denn auch, wenn man den Stern schon ergriffen hat? Ab hier und nicht weiter. Nur noch im Sturzflug nach unten vielleicht. Tut aber weh. Da lässt man sich doch lieber treiben. Was sind mir die Trauben so sauer! Go with the flow.

Stillstand in Bewegung. Kinetische Energie wandelt sich in Lageenergie. Und diese in kinetische Energie. Es läuft im Kreis. Omnia mutantur. Der Pfeil, der abgeschossen wird: Er verändert sich und verändert sich nicht. An seinem höchsten Punkt krümmt die Bahn ihn auf die Erde zurück. Danke, Herr Parmenides. Danke, Herr Zenon. Applaus. Bitte setzen. Und nicht schon wieder streiten. Achill und die Schildkröte. Sie erinnern sich vielleicht. Wie Hase und Igel, aber anders. Die Schildkröte ist immer da, wo Achill noch nicht ist. Jedenfalls nicht zur gleichen Zeit. Das können Sie und ich aber auch nicht. Und das, obwohl wir nicht Achill sind. Und auch keine Schildkröten.

Wie sind wir denn jetzt nur darauf gekommen? Ich wollte erzählen. Erzählen von einer tierischen Fortbewegungsart. Einer äußerst ungewöhnlichen tierischen Fortbewegungsart. Ich wollte erzählen, aber ohne auf den Hund zu kommen. Es ist eher andersherum. Aber es geht um einen. Das schon. Ja. Um einen faulen. Und eine Schildkröte. Hunde sind gern mal faul. So ist es ja nicht. Faulheit ist kein Menschenrecht. Und wenn der Hund mal müde ist, nimmt er eine Schildkröte. Zumindest in manchen Breitengraden. In unseren nicht, denn dafür sind die Schildkröten zu klein. Stellen Sie sich das mal vor! Ein Hund kann doch nicht auf so einer kleinen Suppenschildkröte Platz nehmen! Das macht ja auch nichts her.

Wie ist der Hund nun auf die Schildkröte gekommen? Ehrlich gesagt: wir wissen es nicht; wir argwöhnen nur. Mit einem beherzten Sprung? Hielt er sie für einen großen Stein? Wollte er, wie so mancher Käfer, den höchsten Punkt erklimmen, um dann davonzufliegen? Vielleicht aber auch nur der üble Scherz seines Herrchens.

Auf seinem beweglichen Sockel posiert dieser Flausch von Hund auf steinhartem Panzer. Irgendwie surreal. Die schnellste Art der Fortbewegung ist es sicherlich nicht, jedenfalls nicht für einen Hund. Dafür aber triumphal. Der Feldherr durchschreitet, haarige Schnauze nach oben, den Triumphbogen. Rom liegt ihm zu Füßen.

Derweil tappst unsere Schildkröte unbeirrt über die warmen Steinplatten des Drive In. Gleichmütig. Unbeeindruckt. Aber nur scheinbar, wie wir gleich sehen werden. Der Hundekörper wiegt sich leicht im Rhythmus der Schildkrötenschritte. Tapps. Tapps. Tapps.  Schildkröten bewegen sich übrigens über Kreuz: Linkes Hinterbein und rechtes Vorderbein. Rechtes Hinterbein und linkes Vorderbein. Rechtsneigung, Linksneigung, Rechtsneigung, Linksneigung. Wie Menschen und Hunde. Aber nicht wie Kamele und Islandponys. Die laufen Pass.

Schließlich muss es der Schildkröte doch zu doof geworden sein. Auch sie hat ihren Stolz und will nicht zu einem Transportgerät für bequeme Säuger umfunktioniert werden. Sie wehrt sich gegen diese hündische Ausbeutung. Schließlich gibt es ihre Art schon länger. Das verleiht ihr museale Würde. Da ist ein Auto. Unter seiner schattigen Karosserie will das Kriechtier kriechen, Schutz suchen, wohl hoffend, dass der Aufprall auf das Metall das Hündchen von der Panzerung fegen wird. Schildkröten wissen sich zu helfen. Aber Menschen auch. Ehe es zum Showdown Hund – Auto kommt, ist Herrchen schon beherzt zur Hilfe geeilt und scheucht den Schnauzer von seinem Surfbrett.

Und wir sind um eine weitere Lektion in Sachen artfremder Kooperation reicher.